André Stern

Entdecke die Möglichkeiten!

Einer der Referenten der „Global Home Education Conference“, GHEC 2012, vom 1. bis zum 4. November in Berlin ist der bekannte französische Freilerner André Stern. Obwohl er in seinem Leben nicht eine Minute lang eine reguläre, öffentliche Schule besuchte und auch von Privatlehrern keinen Heimunterricht erhielt, spricht André Stern heute fünf Sprachen, ist Autor zweier Bestseller, Journalist und Chefredakteur einer großen Gitarrenzeitschrift, beliebter Vortragsredner, erfolgreicher Künstler mit Hunderten von Auftritten, Gitarrist, Musiklehrer, Komponist, Gitarrenbauer, Informatiker und Fotograf. Er begeistert sich darüber hinaus nicht zuletzt für die Tanz- und Theaterwelt und erfreut sich an Begabungen in vielfältigen weiteren Bereichen. Trotz dieser Erfolge und obwohl Herr Stern schon bekannten Zeitschriften und Magazinen Interviews gegeben hat sowie im Rahmen großer TV-Shows aufgetreten ist, durften wir André Stern als einen bescheidenen und überaus freundlichen Menschen kennenlernen. Der Kontakt kam durch Depeschenbezieherin Silvia Buchbauer zustande, die Vorträge mit André Stern organisiert. Sie schlug uns im Zuge unserer kürzlichen Depeschen zu den Themen Freilernen und GHEC ein telefonisches Interview vor.  Wir nahmen gerne an – und so telefonierte Sabine am 11. September 2012 nach Paris und sprach mit Herrn Stern aktuell über die Gründe seiner Teilnahme als Referent bei der GHEC bzw. darüber, warum es für die Depeschenbezieher und ihre Freunde wichtig sein könnte, als Besucher dabei zu sein. Herr Stern hat sich, obwohl wir ja „nur ein kleiner Verlag sind“, sehr viel Zeit genommen. Herausgekommen ist dabei ein Interview, das nicht nur aktuelle Fragen zur GHEC beantwortet, sondern darüber hinaus (ergänzt durch Interviewantworten, die uns von Frau Buchbauer vorab zur Verfügung gestellt wurden**) einen Überblick über seinen Werdegang, seine Kindheit, sein Schaffen und seine allgemeinen Anliegen vermittelt. Lernen Sie ab der folgenden Seite sehr außergewöhnliche Sichtweisen eines Menschen kennen, der nie zur Schule ging und trotzdem ein glückliches Leben führt – oder vielleicht gerade deswegen ... ?  

André Stern
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Ein Interview aus Depesche 22/2012

Herr Stern, wer sollte zur GHEC 2012 kommen und warum? Und was ist Ihr Anliegen, weshalb Sie sich im Rahmen der GHEC 2012 engagieren?

Die Teilnahme an der GHEC 2012 zeigt dem Besucher die Vielfalt der Anliegen und Möglichkeiten auf, die im Bereich der freien Bildung existieren. Dort eröffnen sich neue Horizonte, die eine präzise Vorstellung davon vermitteln, warum sog. Freilerner ihre Kinder nicht zur Schule schicken.

Es sollten möglichst viele Menschen zur GHEC kommen: Politiker, Eltern – einfach alle, die irgendetwas mit Kindern, Erziehung und Bildung zu tun haben. Dabei ist es natürlich besonders für junge Eltern wichtig zu wissen, welches Spektrum an Möglichkeiten existiert. Auch für Politiker und Menschen, die Entscheidungen hinsichtlich des Schulsystems treffen, ist es unentbehrlich zu erfahren, dass es andere Möglichkeiten gibt, als das Schulsystem.

»Kinder lernen gern ... wenn man sie in Ruhe lässt!« André Stern, 1971 in Paris geboren, ist Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist und Autor. Er unterrichtet Musik, hält Vorträge, arbeitet im Bereich Informatik und bekleidet mit Erfolg Positionen in der Tanz- und Theaterwelt. Er ist ein glücklicher Mensch – beruflich und sozial erfüllt. Weil er immer wieder nach seinem ungewöhnlichen Bildungsweg gefragt wird, hat er sich entschlossen, dieses Buch zu schreiben. André Stern lebt in Paris und spricht fließend deutsch. »Guten Tag, ich heiße André, ich bin ein Junge, ich esse keine Bonbons und ich gehe nicht zur Schule!« So lautete der Standardsatz, mit dem André Stern den Erwachsenen begegnete, wenn sie ihn darauf ansprachen, warum er zu Zeiten, in denen andere Kinder in der Schule waren, frei herumlief. Der letzte Teil des Satzes sorgte zumeist für einen gewissen Aufruhr – und tut es auch heute noch. In diesem Buch erzählt er die Geschichte eines Kindes, das nie eine Schule besucht hat, seine Geschichte! Er berichtet plastisch, charmant und unterhaltsam, wie er sich in aller Freiheit ebenso eingehend mit Mathematik und Technik beschäftigte wie mit Tanz, Literatur, Gitarrenbau und Sprachen.

Mein persönliches Anliegen bei der GHEC 2012 ist es, die Vielfalt der Möglichkeiten, die jedermann in Bezug auf das Lernen hat, aufzuzeigen, denn man sollte diese Vielfalt der Möglichkeiten kennenlernen bzw. erleben, bevor man eine Entscheidung trifft.

In Sachen Bildung haben wir ja etwa so viel Wahl, wie die Kundschaft von Henry Ford in den Jahren 1915-1925, der man einfach sagte: »Sie können das Modell-T in jeder Farbe Ihrer Wahl haben, solange sie schwarz ist« (lacht). In Sachen Bildung ist es nicht anders: Wir wählen freiwillig die einzige Option aus, die uns angeboten wird.

Ich habe nichts gegen die Schule, sondern möchte bei der GHEC die schulfreie Erfahrung aus meiner eigenen Kindheit in die Konferenz mit einfließen lassen. Es ist mir ein wirkliches Anliegen, den Teilnehmern zu vermitteln, wie schön es sein kann, wenn ein Kind freiwillig lernen oder auch freiwillig in die Schule gehen darf.

Ein weiteres Anliegen ist es mir, meine Geschichte an möglichst vielen Orten, möglichst vielen verschiedenen Menschen zu erzählen; sie ist kein persönlicher Verdienst, aber sie kann ermutigend einladen und für Menschen inspirierend wirken, die sich mit dem Thema Bildung auseinandersetzen. Daher möchte ich meine Geschichte an möglichst vielen Stellen erzählen – und die GHEC 2012 in Berlin ist eine wichtige Gelegenheit dazu!

Das berühmte „Modell-T“ von Ford, im Volksmund „Tin-Lizzie“ genannt („Blechliesel“). Seit 1908 gebaut, lief es seit 1914 als erstes Auto der Welt vom Fließband. Zwischen 1915 und 1925 wurde es nur in schwarzer Farbe ausgeliefert, weil dies einerseits damals der preiswerteste Lack war und

Schildern Sie uns in diesem Zusammenhang doch bitte einmal, wie Ihre eigene Bildung verlief. Wie haben Sie gelernt? Was haben Sie gelernt? Von wem haben Sie gelernt?

Mein wichtigster Lehrer war das Leben selbst. Als Person ist Werner Schär der bedeutendste Meister in meinem Leben. Er hat mir den Gitarrenbau von A bis Z gezeigt und sagte als erstes: Ich kann es dir vormachen, nicht aber beibringen. Er ist perfekte Meister und inzwischen auch mein allerwichtigster Freund. Aber es gibt so viele Menschen, die mir so vieles gezeigt, vorgelebt haben – oder mich einfach mitgenommen haben!

Mein Alltag als Kind war erfüllt mit Erleben und Spielen und verlief ganz selbstverständlich und glücklich. Spielen und Lernen sind in meiner Erfahrung gleichbedeutend.

Ich denke, dass dies einer der wichtigsten Punkte ist: Ich war ein sehr glückliches, begeistertes Kind. Ich verlor keine Energie und keine Zeit mit Fremdauferlegtem. Dies erklärt auch, warum die Gestaltung des Alltags so locker und ästhetisch war, obwohl eine „typische Woche“, neben den zahlreichen „improvisierten“ Stunden auch aus vielen regelmäßigen Tätigkeiten bestand – jedoch weit entfernt von jeglichem Leistungsdrang oder Stress.

Mein mir selbst auferlegter „Stundenplan“ mit etwa 12 Jahren umfasste: Malen am Malort, 2 x 3 Stunden Metalltreiben, 4 Stunden Fotografie (Technik, Labor), 2 x 2 Stunden Tanz, 2 Stunden Kampfsport (Kalarippayat), weitere Kurse in Textilkunst, Töpferei, Algebra; Lesungen im Collège de France über Ägyptologie, Mittelalter und Soziologie – und vieles mehr.

Zusätzliche „improvisierte“ Stunden bestanden aus weiteren Beschäftigungen, die nicht nur zu zahlreich, sondern auch zu verschieden und zu unsichtbar (Teil eines inneren Prozesses) waren, um sie überhaupt aufzulisten.

Immer wieder beschäftigte ich mich phasenweise besonders intensiv mit einzelnen, spezifischen Themen. So widmete ich mich beispielsweise einige Monate lang besonders leidenschaftlich der Literatur. Da blieb natürlich weniger Zeit für andere Tätigkeiten übrig, zumal ich dann jeweils das gesamte Werk und mehrere Biographien eines Autors las.

In der Musik ging ich sogar noch intensiver vor: Ich hörte nicht nur alle Werke mehrerer Komponisten durch und las ihre Biographien, ich lebte mich regelrecht in die Musik hinein, wurde von ihr auf unglaubliche Reisen mitgenommen.

Von Dvorak, Brahms, Schubert, Beethoven, Schumann und César Franck (nächste Seite) kannte ich alle Werke, Sätze, Interpretationen, hatte meine bevorzugten Stücke, meine Lieblingsmusiker und konnte sie im Radio nach einigen Noten erkennen – ein Lieblingsspiel mit meinem Papa.

César Franck (1822-1890): Französischer Komponist deutsch-belgischer Abstammung.

Da ich nicht zur Schule gehen musste und da das Musikhören bei uns nicht als Zeitvertreib betrachtet wurde, sondern als Hauptbeschäftigung, war es auch für alle ganz selbstverständlich, dass ich mich dieser nährenden Tätigkeit 8 Stunden pro Tag widmete. Die absolute Konzentriertheit und die Emotionen, die ich damals erlebte, bleiben für mich die eindrücklichsten Momente meiner Kindheit.

Nicht alle unbeschulten Kinder stellen sich so eine Art „Stundenplan“ zusammen, andere leben auch völlig frei in den Tag hinein. Ich selbst habe mir schon immer strukturierte Momente gestaltet. Die Gewohnheit, ausnahmslos jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen und zu üben, habe ich schon sehr früh eingeführt, und halte mich heute noch daran. Sprachen lernte ich jeden Morgen nach dem Frühstück (außer bei der deutschen Sprache, da habe ich wiederum solche Leidenschaft empfunden, dass ich 6 Stunden pro Tag lernte – die Möglichkeit war wiederum gegeben – und als ich nach vier Monaten fertig war, da ging die Leidenschaft für die deutsche Literatur los)!

Übrigens: Für mich enthält die Frage: „Womit hast Du als Kind Deine Zeit verbracht“ schon viele unzutreffende Begriffe: „Womit“ klingt in meinen Ohren schrecklich materiell, „als Kind“ ist eine für mich unnatürliche Unterscheidung, „Deine Zeit verbracht“ besitzt einen leicht zweifelnden Beigeschmack und bedeutet für mich eine Verkehrung der Realität, da man die Zeit nicht verbringt, sondern dem mehr oder weniger aufmerksam beiwohnt, wie sie an einem unaufhaltsam vorbeizieht.

Und wie haben Sie sich selbst das Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht?

Ich selbst kannte diese Kategorisierung der Fächer nicht so. Es ist ja im Grunde nicht schwierig oder gar kompliziert, sondern ganz einfach.

Die eigene Muttersprache lernt man auf eine eigene Weise, in einem eigenen Rhythmus, zu einem persönlichen Zeitpunkt – niemand bringt sie einem bei. Es gibt da keine Methode oder ein bestimmtes Startdatum. Man lernt sie einfach.

Ich selbst habe im Alter von drei Jahren ein Buch aufgeschlagen und gesehen, dass dort Zeichen sind. Mir ist aufgefallen, dass es „Eier“ und „Eierbecher“ gibt (siehe Abbildung unten). Das waren die Buchstaben C und O – für mich waren das Eier und Eierbecher. In der Folge habe ich dann festgestellt, dass es auch Eier mit einem Strich daran gibt bzw. den Strich ohne Ei usw. Ich fragte dann nach und es wurde mir gesagt, dies seien „Buchstaben“. Dann wollte ich wissen, wie sie klingen.

Es war „unprogrammmäßig“ für ein Kind in meinem Alter, sich so früh mit dem Klang der Buchstaben zu beschäftigen. Es wurde aber für mich zu einem Lieblingsspiel. „So früh“ ist aber natürlich auch ironisch gemeint, da es ja nicht wirklich einen allgemein übereingestimmten Zeitpunkt gibt, ab wann man sich damit beschäftigen sollte oder nicht.

Ich wollte einfach alle Buchstaben und deren Klang kennen lernen. Im Alter von drei Jahren war ich dann in der Lage, ganze Wörter zu entziffern, z.B. das Wort „Apotheke“.

Ich stand an einer roten Ampel und entzifferte das Wort: „A-po-the-ke“. Das ging ganz leicht, denn ich kannte bereits den Klang der einzelnen Buchstaben. Gleichzeitig war es für mich wie ein Wunder: Aus der Anhäufung von Buchstaben ergab sich ein Wort. Ein Wunder – und ein Lieblingsspiel für mich im Alter von drei Jahren. Es gibt ganz viele Kinder, die das machen würden, wenn man sie nur ließe.

Mein eigener Sohn war nicht einmal zwei Jahre alt, als er die ersten Buchstaben kennen gelernt hat. Aus irgendeinem Grund sind sie ihm auf einem Autoschild aufgefallen. Er wollte sie einfach kennen lernen – mit nicht einmal zwei Jahren kannte er sie alle beim Namen – das ist überhaupt kein Wunder! Ich erachte es aber auch nicht als schlimm, wenn man mit acht Jahren die Buchstaben noch nicht kennt. Menschen haben einfach völlig unterschiedliche Rhythmen und verschiedene Interessen. Ich finde es wichtig, dass man beide Fälle kennt – und erhoffe mir von der GHEC 2012, dass man viele Beispiele dieser Art hört und sieht.

Beim Rechnen war es so, dass ich es in den Alltag, in das tagtägliche Leben eingebaut habe. Das Leben in unseren Breitengraden ist ja voller Rechnen, man ist ständig davon umgeben. Man sieht die Zahlen und daraus ergibt sich die Notwendigkeit, damit umzugehen.

So hatte ich mir als Kind z.B. ein Lego-Auto gebaut und einen Motor dazu geschenkt bekommen. Nun wollte ich wissen, wie schnell mein Lego-Auto fährt und bin bei dieser Gelegenheit im Lexikon über die Kreiszahl p (Pi) gestolpert – und ich wusste natürlich nicht, ob ich dieser Zahl einfach trauen kann. Ich werde es nie vergessen, wie ich auf die Lösung gekommen bin, wie ich also die gesamte Recherche angestellt habe. Meine Suche war wirklich umständlich, aber es ist meine Suche gewesen und ich habe die Lösung selbst gefunden – und mir selbst bestätigt, dass p tatsächlich stimmt. Somit konnte ich die Zahl verwenden, um meine Kalkulation fertigzustellen und endlich zu erfahren, wie schnell mein Lego-Auto fährt.

Ich hoffe, dies beantwortet Ihre Frage. In meinem Buch („ ...und ich war nie in der Schule“) können Sie meinen Lösungsweg auf Seite 51 nachlesen. Obschon er vielleicht umständlich war, so war er doch eben sehr persönlich und sehr exakt – nicht planbar, nicht vorhersagbar! Und genau das ist das Spannende!

Ihre Kinder werden ja bestimmt auf dieselbe Weise erzogen?

Meinen Kindern ermögliche ich die gleiche Art und Weise des Lernens, die ich haben durfte und schicke sie nicht in die Schule; sie werden jedoch ihren eigenen, von meinem verschiedenen Weg gehen, da sie ja eigenständige Persönlichkeiten sind. Wir selbst schicken unsere Kinder zwar nicht zur Schule, doch wenn eines davon in die öffentliche Schule gehen wollte, wäre dies selbstverständlich in Ordnung!

Ich selbst hätte ja auch die Möglichkeit gehabt, in die Schule zu gehen oder auch nur zu schnuppern, doch ich wollte es nie! Es hat mich nicht angezogen. Die Kinder dort hatten überhaupt nie Zeit, um zu spielen, wohingegen ich den ganzen Tag über spielen konnte.

Die anderen Kinder hatten immer Hausaufgaben auf und waren total gestresst. Sie sagten mir immer wieder: »Mensch, hast Du Schwein!«

Ich selbst bin ein ewiges Kind. Kinder lernen durch das Spielen! Die Hirnforschung hat dies heutzutage ebenfalls bestätigt, dass man durch das Spielen lernt.

Haben Sie es denn nicht vermisst, keine Klassenkameraden zu haben?

Darf ich als erstes eine Gegenfrage stellen? Warum sollte der Kontakt speziell zu anderen Kindern so wichtig sein? Ist nicht vielmehr der Kontakt zu anderen Menschen allgemein lebenswichtig?

Es wird hier meiner Meinung nach eine unnatürliche Unterteilung getroffen. Wenn man Kinder als eine bestimmte „Gattung“ betrachtet und behandelt, so ist klar, dass sie von den anderen „Gattungen“ getrennt sind und keinen direkten Kontakt zu ihnen haben.

So können sie also nur den „vorbestimmten“, berühmten „natürlichen Kontakt zu anderen Kindern“ bekommen. Doch wer findet das natürlich? Ich nicht! Wer bestimmt die Zugehörigkeit zur einen oder der anderen Gattung? Das Alter? Wer glaubt heute noch, dass das Alter die Entwicklung, die Reife bestimmt?

Erleben Schulkinder, die in einer Klasse mit Gleichaltrigen eingesperrt sind und uniform mit demselben fremdbestimmten, synthetischen Kenntnisdünger besprüht werden, etwa Sozialisation?!

Ich hatte ständigen Kontakt zu anderen – älteren, jüngeren – und genau diese Vielfalt war gegenseitig bereichernd. Ich hatte von allen etwas zu lernen, sowie ich anderen vieles zeigen konnte. Ich konnte mir meine Freunde aussuchen – und sie sich mich.

Das Leben und unsere Wege bestimmten unsere Begegnungen; sie waren echt und nicht willkürliche Konsequenz einer zufälligen Zusammenbringung am selben Ort um dieselbe Zeit, wie das in einer Schulklasse (und zwar für all die wichtigsten Jahre der Kindheit) der Fall ist.

Das uralte Argument, dass Kinder in die Schule müssten, um dort „soziales Verhalten“ zu erlernen und Gleichaltrige zu treffen, ist definitiv passé; das Gegenteil ist vielmehr der Fall. In der durchschnittlichen öffentlichen Schule lernt man heutzutage tendenziell weit eher asoziales Verhalten – und echte Freunde trifft man eher selten im willkürlich zusammen gewürfelten Haufen einer Schulklasse. Spielkameraden finden sich bei gleichartigen Interessen, beim Spielen eben, beim Fahrradfahren, beim Fußball, beim Sport allgemein, im Verein, bei den Pfadfindern, beim CVJM etc., in der Nachbarschaft.

Haben Sie sich rückblickend jemals gewünscht, Sie hätten wie die anderen Kinder die Schule durchlaufen?

Kein einziges Mal. Weil ich die verschiedenen Lebenssituationen ganz anders angehe als Schulkinder, gibt es auch keine Situation, in welcher ich ihre Mittel vermissen könnte.

Anders ausgedrückt: Sie gehen alle durch dieselben Tore und brauchen deshalb dieselben Schlüssel. Ich gehe andere Wege. Mir würde der Schulweg fehlen, wären die schulischen Maßstäbe in meinem Leben relevant. Das sind sie aber nicht. Wenn ich morgen Arzt werden möchte (ginge der Traum der meisten Eltern in Erfüllung, so bestünde die Planetenbevölkerung aus lauter Ärzten, Anwälten, Architekten und Ingenieuren!), stehen mir zwei Möglichkeiten zur Verfügung:

Entweder entscheide ich mich – als selbstbestimmter erwachsener Mensch – für den herkömmlichen Weg und nehme das klassische Studium in Kauf bzw. in Angriff: vom Abitur bis zum Diplom. Nichts kann mich daran hindern, und ich bin überzeugt, dass ich alle Examen brillant bestehen würde, weil ich von Wille und Begeisterung getragen wäre.

Oder aber, der Logik meines bisherigen Lebens folgend, entscheide ich mich für eine alternative Medizinform, in welcher die Ausbildung ganz anders aussieht und – wieder – die Kompetenz und nicht die Qualifikation zählt.

Ich bin meinen Eltern jeden Tag dankbar dafür, dass sie mir ermöglicht haben, ein freier, glücklicher Mensch zu werden, und gewähre meinen Kindern die gleiche Entfaltung. Warum? Die Antwort ist einfach: Wenn du findest, dass genmanipulierte Nahrung schädlich ist, dann gibst du sie deinen Kindern nicht. Es gibt da keine halbe Überzeugung, und auch kein Zweifeln.

Wie reagieren die Menschen, wenn sie hören, dass Sie nicht zur Schule gingen?

Die Reaktionen der Erwachsenen kann man in drei Kategorien unterteilen:

Einige meinen ganz selbstsicher: „Aha, Du bekamst also Privatunterricht!“ Damit ist der Fall für sie dann erledigt; sie brauchen sich gar nicht mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass der Unterricht vielleicht überflüssig oder gar schädlich ist.

Einige wenige reagieren allergisch. Sie drohen immer mit denselben fünf Argumenten, hören den Antworten nicht zu und stellen sich nicht einmal vor, dass ihre Vorstellungen mich schockieren könnten.

Die meisten Menschen allerdings werden aufmerksam und fragen teilnehmend nach, da sie selbst unglückliche Schulkinder oder Eltern, vielleicht auch frustrierte Lehrer sind. Aufgrund ihrer Neugierde und ihres Interesses habe ich damit angefangen, mich selbst mit dem Thema zu beschäftigen und meine Tätigkeit als Referent und Autor aufzunehmen. Sonst hätte ich nicht darüber nachgedacht und weiterhin ganz selbstverständlich meinen Alltag gelebt, ohne mir Fragen zu stellen – was viele unbeschulte Kinder tun – und das ist ja auch legitim.

Krasse Gegensätze: Bild1: typische heutige Schüler, d.h. junge Leute, die kein Interesse am Lernstoff haben, und auf Bild 2 ein älterer Mensch, der sich aus Begeisterung mit der neuen Technik eines elektronischen Keyboards vertraut gemacht hat. Ob man etwas lernt, hängt also nicht davon ab, wie alt man ist, sondern ob man Begeisterung dafür im Herzen trägt.

Würden Sie sagen, dass Sie eher mehr gelernt haben, als andere Kinder – im Sinne von anwendbarem Wissen – oder eher weniger?

Ich vergleiche nicht und ich messe das nicht. Ich weiß also nicht, ob ich vergleichsweise mehr oder weniger gelernt habe als andere. Dies ist für mich nicht relevant, denn ich habe auf jeden Fall leidenschaftlich gelernt, mit Hingabe – und nichts von dem, was ich gelernt habe, verlernt.

Überhaupt lerne ich heute noch jeden Tag. Der Satz: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ stimmt nicht! Solange wir in dem Glauben belassen werden, wir müssten als Kinder alles fürs spätere Leben lernen, damit wir es im Leben schaffen usw., können wir dazu gebracht werden, Dinge zu lernen, die uns nicht wirklich interessieren, „weil wir sie ja später brauchen könnten“. Doch das stimmt für mich nicht! Alles was ich brauche, kann ich jederzeit lernen. Wie mit 80, so auch mit 8 Jahren. Hier möchte ich deshalb eine kleine Änderung des Satzes anbieten: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans im Glück.“

Es liegt mir am Herzen zu betonen, dass ich sehr leidenschaftlich, begeistert gelernt habe und niemals, um eine Prüfung zu bestehen. Ich habe nach praktischen Kriterien gelernt, also Dinge, die ich gerade brauchte, die jetzt für meine Forschung nützlich waren. Und wenn man auf diese Weise lernt, dann hört das nie auf!

Ich möchte heute nicht etwas lernen, das ich, vielleicht, erst morgen brauchen kann, sondern ich möchte es in dem Moment erlernen, wo ich weiß, dass ich es brauchen kann.

In der Hirnforschung war man früher der Ansicht, dass Menschen verschiedenartige Gehirne hätten, dass es sozusagen „gute“ und „schlechte“ Gehirne gäbe – und folglich intelligente bzw. weniger intelligente Menschen. Doch das ist nicht wahr. Die Hirnforschung hat diese Ansicht inzwischen revidiert und festgestellt: Es gibt keine dumme Menschen. Es ist nur so, dass manche Menschen ihr Gehirn mehr trainieren und daher besser entwickelt haben als andere.

Es stellt eine wirklich sensationelle Entdeckung dar, dass jedes Gehirn in der Lage dazu ist, sich zu entwickeln. So hat man z.B. entdeckt, dass bei Jugendlichen jene Gehirnregion, die den Daumen ansteuert, heute dreimal so groß ist, wie dies vor 30 Jahren im Durchschnitt noch der Fall war. Warum? Heutige Jugendliche bedienen mit dem Daumen ihre Handys und schreiben SMS. Daraus folgt, dass Gehirntraining ganz ähnlich wie Muskeltraining funktioniert – d.h. jene Region/Funktion, die man trainiert, wird größer/besser. Es wurden daher Sudokus und andere komplizierte Spiele und Rätsel entwickelt, in der Hoffnung, damit das Gehirn trainieren und die Intelligenz steigern zu können. Doch all das funktionierte nicht wirklich, denn es fehlte ein entscheidendes Element.

Was fehlte, war die Begeisterung! Das Gehirn entwickelt sich am Besten dort, wo man die Sache verwendet und aus Begeisterung heraus erlernt.

Begeisterung ist wie ein Dünger für unser Gehirn. Im Zustand der Begeisterung lässt sich am Besten lernen! Lernen ist dann kein Akt mehr, es passiert einfach so nebenbei. Im Zustand der Begeisterung kennen wir keine Grenzen mehr. Das wissen wir und jetzt haben wir den wissenschaftlichen Beweis dafür. Daher mein Ausspruch: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans im Glück“ – sprich, der begeisterte Hans, der etwas verwenden will.

So ist z.B. Deutsch eine Sprache, die ich liebe. Ich habe sie mit 18 Jahren kennen gelernt – eine begeisternde Begegnung. Ab da konnte ich mich sage und schreibe sechs Stunden pro Tag mit dieser Sprache auseinandersetzen – und ich habe in Windeseile Deutsch gelernt.

Wenn Begeisterung ausgelebt werden kann, hat sie eine Nebenwirkung: Die Kompetenz. Wenn jemand sehr begeistert ist und diese Begeisterung auslebt und mehr erfährt, wird er immer kompetenter. Diese Kompetenz wiederum hat eine „Nebenwirkung“: den Erfolg. Erfolg ist im heutigen Leben das Ziel. Wir sind bereit, in seinem Namen so einiges zu opfern – nicht zuletzt uns selbst!

Der Erfolg stellt sich als Nebenwirkung der Nebenwirkung der Begeisterung heraus. Daher ist es unentbehrlich, dass Leute darüber sprechen, die eine andere Erfahrung gemacht haben als die, durch Schulnoten Erfolg zu haben, wie das im Rahmen der GHEC passieren wird. Begeisterung ist der Dünger, das möchte ich den Zuhörern vermitteln.

Was ist das Geheimnis glücklicher Söhne? Wie können Väter ihre Söhne stärken und ihnen ein Leben lang ein guter Freund sein? Viele Eltern sind heute in der Erziehung ihrer Kinder unsicher und gerade das Vater-Sohn-Verhältnis ist in vielen Familien mit einigen Konflikten behaftet. Dabei können Väter ihren Jungs eine große und wichtige Stütze sein, egal in welchem Alter. Von ihrem ganz persönlichen, von Vertrauen und Liebe geprägten Miteinander erzählen Arno und André Stern in ihrem gemeinsamen Buch „Mein Vater – mein Freund“. Sie erheben keinesfalls den Anspruch, mit ihrem Lebensweg einen allgemeingültigen Idealzustand zu beschreiben. Doch sie möchten mit ihrer individuellen Geschichte die Leser dazu anregen, über das eigene Leben nachzudenken und nach für sich passenden Strategien und Lösungen zu suchen. Bei den Sterns geht es nicht darum, die eigenen Erwartungen in den Kindern erfüllt zu sehen, sondern sie in einem Freiraum von Liebe, Vertrauen und Stärkung aufwachsen zu lassen, in dem sich die eigenen Fähigkeiten ungehindert entfalten können. So hat es Arno Stern durch seinen Vater Isidor erfahren, der ihm selbst in Zeiten des Krieges und der Flucht vor den Nazis eine glückliche Kindheit ermöglichte und seinen späteren Werdegang als Forscher und Gründer der „Malorte“ (siehe unten) unterstützte. So hat es André Stern durch seinen Vater Arno erfahren, der seinem Sohn durch ein Leben ohne Schule eine möglichst freie Entwicklung ermöglichte. Und so möchte auch André Stern seinen Sohn Antonin fördern und stützen ... Arno Stern wurde 1924 in Kassel geboren und emigrierte 1933 mit seinen jüdischen Eltern in die Schweiz. Angeregt durch die Mitarbeit in einem Heim für Kriegswaisen gründete er in den 1950er Jahren den ersten „Malort“, der noch heute in Paris besteht. Der „Malort“ bezeichnet einen abgeschlossenen Raum, an dem Kinder völlig frei malen und gestalten können, ohne dass ihr Schaffen in irgendeiner Weise von Erwachsenen beurteilt, beinflusst oder bewertet wird.

Was machen Sie heute beruflich?

Ich bin Gitarrist, Komponist, Gitarrenbauer, Chef-Redakteur einer großen Gitarrenzeitschrift, Informatiker, Fotograf. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge ... unter anderem. Da ich mich nicht mit 15 Jahren für eine bestimmte Ausbildung entscheiden musste, konnte ich mich im Laufe der Jahre in vielen Bereichen spezialisieren; diese Bereiche sind kein „Job“, kein „Hobby“; ich nenne sie „meine Berufe“; sie sind meine Berufe; ich liebe sie. Sie werden von meiner Kompetenz bestimmt und nicht von einer steril erworbenen Qualifikation. Das ist schlussendlich das, was im Berufsleben zählt.


Wie hat sich für Sie eigentlich der Übergang in die Arbeitswelt gestaltet?

Für mich gab es keinen solchen deutlichen Übergang. Alles ging natürlich ineinander über! Die angeblich normale Opposition zwischen Arbeit, Freizeit (Erholung), Privatleben und Berufswelt existiert bei mir nicht – so, wie Spiel, Ernst, Leben, Lernen usw. bei uns nicht getrennte und nicht trennbare Bereiche sind.

Herr Stern, wir bedanken uns von ganzem Herzen für dieses wunderbare Interview und wünschen Ihnen und allen anderen Referenten und Teilnehmern der GHEC 2012 den besten Erfolg und allseits reiche Erkenntnisse!


Nachwort

Weder Protest gegen das staatliche Schulsystem noch gesellschaftlicher Ungehorsam ist Ziel dieser Veröffentlichung, sondern die Erweiterung unserer Optionen. So sieht André Stern seinen Weg nicht als Königsweg für alle, wie er die staatliche Schule nicht als Königsweg für alle Kinder sieht. Denn jeder Mensch ist einzigartig. Eben dieser Einzigartigkeit gilt es, gerecht zu werden. Dies ist das Anliegen der GHEC 2012. Die Konferenz vom 1. bis zum 4. November in Berlin (Hauptvortragstage Fr., 2. und Sa. 3.) stellt die weltweit praktizierten alternativen Bildungswege vor. Neben dem Unschooling (keine Schule, wie z.B. von André Stern praktiziert) das Homeschooling – Heimunterricht mit und ohne begleitendes Fernlehrgangsinstitut – freie Schulen, alternative Bildungskonzepte usw. Nur wer alle Möglichkeiten kennt, kann die richtige Entscheidung treffen. Seien Sie daher dabei! Die Bildung unserer Kinder geht uns alle an.

Von am 22.10.2026


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