Warum ausgerechnet Estland?
Depeschenbezieher Reinhard Scheuerlein hat sich im estnischen Hinterland, in der ländlichen Idylle im Südosten, ein 16 Hektar großes Anwesen gekauft, das er aktuell ausbaut und erweitert, während er seine dauerhafte Auswanderung organisiert. Zum Anwesen gehören 5 Hektar Wald, 270 Meter Ufer am angrenzenden See, ein Wohnhaus mit 300 Quadratmetern Wohnfläche und fünf Zimmern (Foto) sowie 6 Nebengebäude – Stall, Werkstatt, Scheune, Blockhaussauna, Holzhäuschen am See, Wintergarten. Im Artikel beantwortet er die Frage, aus welchen Gründen er sich – ausgerechnet – fürs kalte Estland entschieden hat und nicht etwa für sonnigere Gefilde ...
Ein Artikel aus Depesche 12-14/2022
Ein Land, das nie in den Aufzählungen der beliebtesten Auswanderungsländer auftaucht, ja in puncto Auswanderung gar nicht zu existieren scheint, ist Estland. Denken die Leute an das nördlichste der baltischen Länder, haben sie Assoziationen wie: fürchterliche Sprache, die kein Mensch versteht, Temperaturen, die einen chronisch frieren lassen – oder gar: „das ist ja fast schon Russland“ ...
Doch bietet das kleine nordische Land vielleicht auch Chancen und Vorteile, mit denen andere Länder nicht aufwarten können? Fragen wir jemanden, der sich auskennt, der nach Estland auswandert und seit zwei Jahren Erfahrungen sammelt: Reinhard Scheuerlein.
Der sympathische Franke ist das, was man gemeinhin einen Leistungsträger nennt. In seiner Jugend hat er als Motorrad-Rennsportler Pokale eingeheimst, später gründete er eine Firma für Motorentechnik, die heute eine zweistellige Zahl Mitarbeiter beschäftigt und nicht nur auf dem deutschen Markt, sondern sogar inter-national erfolgreich ist.
Doch Reinhard schafft nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Wohnraum: Vor gut 25 Jahren kaufte er sich das Grundstück neben seinem Betrieb und errichtete dort eine sehr spezielle Immobilie – d.h., er ließ nicht bauen, sondern baute selbst. Hatte er Geld übrig, wurde die Bodenplatte betoniert. War weiteres Geld da, tat er den nächsten Schritt. Freunde und Bekannte halfen mit, bis er schließlich im Jahr 2007, gänzlich ohne Bankkredit, ein riesiges Objekt erstellt hatte, mit mehreren Wohnungen und Gewerbeflächen – in Form einer Burg mit Türmchen und Zinnen. Er nannte sie im Andenken an seinen Großvater „Andreasburg“. Seither hat er viele weitere Immobilien gebaut – ebenfalls im Burgstil mit Fachwerk und Zinnen :-)
Reinhard Scheuerlein hat also nicht nur etwas für Deutschland getan (als Sportler und Unternehmer, der heute selbst die Japaner mit Ersatzteilen beliefert, die es sonst nirgendwo mehr gibt), sondern auch für die Region (schafft Arbeitsplätze) sowie für seinen Wohnort (Wohnraum). Einen solchen Unternehmer müssten unsere Regierenden/Behörden eigentlich auf Händen tragen, ihm die Füße küssen, ihm einen roten Teppich ausrollen und ihm Steine aus dem Weg räumen. Reinhard erwartet nicht, dass man das tut, aber es macht ihn wütend und traurig, dass tendenziell das Gegenteil geschieht. Das an chronischer Unfreundlichkeit leidende Finanzamt wartet regelmäßig mit dubiosen Schikanen auf (von den diversen und immensen Steuern selbst noch nicht gesprochen), die Behörden nerven mit den unmöglichsten, sinnfreien Vorschriften und Verordnungen. Die Wahrheit ist: Mittelständische Unternehmer werden bei uns drangsaliert, als Melkkühe missbraucht und mit allerlei künstlichen Hindernissen konfrontiert. Die Corona-Schikanen setzten dem ganzen seit 2020 noch die Krone auf.
Hier findet man nach getaner Arbeit Ruhe und Entspannung pur
Und damit sind wir schon bei den ersten drei riesigen Vorteilen, die Estland zu bieten hat:
(1) Das Land freut sich über Leistungsträger, kommt ihnen entgegen – und geht respektvoll und höflich mit ihnen um.
(2) Estland ist sehr einfach und unkompliziert. Es gibt dort dramatisch weniger Bürokratie, vor allem auch deutlich weniger sinnfreie Vorschriften.
(3) Estland hat ein unkompliziertes, günstiges und prinzipiell gerechtes Steuersystem.
Reinhard schreibt: »Warum ich mir als Geschäftsmann Estland für meine Emigration ausgesucht habe? In Deutschland haben wir die Abgabenordnung mit 415 Paragraphen. Nebenbei haben wir noch über 92.000 Steuerverordnungen. Wer soll sich da noch auskennen? Ich nicht, und der Steuerberater ist auch überfordert. In Estland gibt es ein einfaches Steuersystem. Der pauschale Einkommenssteuersatz über dem unbesteuerten Existenzminimum liegt bei einheitlichen 20 Prozent – bei Firmen aber nur auf den tatsächlich entnommenen Gewinn. Was erwirtschaftet wird und in der Firma bleibt, ist damit steuerfrei. Die Jahressteuererklärung macht man innerhalb von drei Minuten am PC – ohne Steuerberater! Hier gibt es auch keinen Handwerks- oder IHK-Zwangsbeitrag. Es gibt keine Erbschaftssteuer und auch keine Schenkungssteuer und natürlich auch keine Vermögenssteuer. Selbst der Erwerb von Grund und Boden ist steuerfrei, also auch keine Grunderwerbssteuer. Die Notarkosten teilen sich in Estland Käufer und Verkäufer zu gleichen Teilen, und sie sind wesentlich niedriger. In Deutschland hätte mich so ein Immobilienkauf alles in allem, mit Grunderwerbssteuer, bestimmt zehnmal soviel gekostet.
Übrigens: Vor zwei Wochen bekam ich die Aufforderung zur Zahlung der Grundsteuer. Eine solche Zahlungsaufforderung (freundlicherweise auf Deutsch verfasst) liest sich in Estland ganz, ganz anders. Hier wird man höflich gebeten! Stell dir nur mal vor: Ich soll gerade einmal 24 Euro Grundsteuer für meine 159.700 qm mit 6 Gebäuden bezahlen – für das ganze Jahr! In Deutschland wären das mehrere tausend Euro.«
Reinhards Anwesen (Teilansicht)
(4) In Estland gibt es noch selbstverständliche Freiheiten, die in Deutschland verlorengegangen sind – und die Esten sind sehr deutschfreundlich.
Reinhard Scheuerlein (RS): »In Estland gibt es viel weniger Beschränkungen. Auf der Insel Saarema beispielsweise kann man noch ohne Helm Motorrad fahren. Nicht dass das ratsam wäre (viele Mücken), aber man wird nicht bestraft, wenn man es doch einmal tut, um z.B. eine kurze Strecke zum Nachbarn zurückzulegen. Auch darf man hier noch patriotisch sein. Und die Deutschen genießen hier ein hohes Ansehen – hat doch Estland eine lange Geschichte mit den Deutschen (Deutschorden). Hier muss man sich als Deutscher wahrlich nicht verstecken oder für etwas entschuldigen. Der Patriotismus bei gleichzeitiger Weltoffenheit der Esten freut mich sehr.«
(5) Estland ist ein wirtschaftlich aufstrebendes Land, führend in der Digitalisierung. Alle Esten haben das Recht auf einen kostenlosen Internetzugang. Die meisten sprechen Englisch oder Deutsch.
RS: »Über die Digitalisierung in Estland braucht man, so glaube ich, kein Wort zu verlieren. Die Kindergarten- und Schulkinder lernen in der Regel Englisch als erste Fremdsprache und manche auch Deutsch. Mit Englisch kommt man allgemein sehr gut durch, außer bei älteren Leuten. Die sprechen als Zweitsprache eher noch Russisch. Estland hält die Rangstelle 7 unter 169 Ländern bei der Frage der wirtschaftsfreundlichsten Ausgangsbedingungen. In der Digitalisierung ist das Land weltweit führend. Hier hat man alle Möglichkeiten und keine ausufernde Bürokratie mit 100.000 Vorschriften und Verboten. «
(6) In Estland gibt es weniger Gebühren und Abgaben bzw. allgemein niedrigere Preise.
RS: »Momentan liegt der Strom bei 16,9 Cent pro kW/h incl. Steuer. Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen sind frei von Kfz-Steuer. Für die 240-Liter-Mülltone zahle ich bei einmaliger Leerung im Monat € 5,39. Wassereinleitungsgebühren gibt es hier nicht. Ich habe meinen eigenen Brunnen mit gutem Wasser – durch Laborbericht bestätigt. Es gibt hier übrigens auch keinen Zwangsbeitrag (GEZ).«
Eindrücke vom See, der Umgebung und vom Haus
(8) Tolle Menschen
RS: »Die Menschen sind es, die mich von Estland restlos überzeugt haben. Sie sind relativ anspruchslos, dankbar, hilfsbereit, zufrieden, unaufdringlich, natürlich. Mit „natürlich“ meine ich auch, dass sie sich noch mit der Natur auskennen. Sie bauen Gemüse an, halten sich Hühner, essen saisonal und regional (und legen viel Wert darauf), sammeln Pilze, heizen mit Holz. Ich habe meine Nachbarn und die Esten allgemein als sehr bescheiden, herzlich und hilfsbereit wahrgenommen. Ja, ich muss sagen, hier habe ich mich gleich sehr wohl und zu Hause gefühlt. Mit vielen Nachbarn verbinden mich nun schon Freundschaften. Die freuen sich alle, wenn ich wiederkomme. Und für alle bringe ich, wie es in Estland Brauch ist, auch immer etwas aus Deutschland mit. Vorgestern habe ich übrigens gehört, dass im letzten Jahr eine Million Deutsche das Land verlassen haben und es sich dabei vornehmlich um Fachkräfte handelt, die für Deutschland unwiederbringlich verloren sind.«
(9) Deutlich entspannterer Umgang mit Corona
RS: »Während meines ersten Estlandaufenthalts habe ich nur in Tartu (Stadt) eine einzige Person mit Maske gesehen, bei meinem letzten Aufenthalt gar niemanden mehr. Laut Auswärtigem Amt wäre 14-tägige Quarantäne nach Einreise in Estland angesagt gewesen. Am Flughafen stand auch ein Kommando in Uniform. Ich habe einen Zettel ausgefüllt – das war alles! Sonst hat sich niemand mehr für nichts interessiert. Die Esten, die ich kennengelernt habe, waren deutlich entspannter im Umgang mit Corona als die Deutschen. Seit Juni 2021 (!) gibt es hier keinerlei Corona-Beschrän-kungen mehr: Keine Menschen mit Masken, keine Maskenpflicht, keine Abstandsregeln, alle Geschäfte, alle Restaurants und Hotels, alle Cafes offen – als wenn nichts gewesen wäre.«
Reinhard wäre nicht Reinhard, würde er nicht werkeln, bauen, anbauen, umbauen, ausbauen, renovieren ...
(10) In Estland findet man noch jede Menge unberührte Natur pur – und ganz viel Ruhe!
RS: »Schon bei meinem ersten Besuch in Estland hat mich das satte Grün im Land fasziniert. Ich liebe diese Abgeschiedenheit. Es gibt noch Tierarten, die man bei uns kaum mehr zu sehen bekommt. In ganz Estland habe ich kein einziges Windrad gesehen – nur Natur pur. Da fühle ich mich nun zu Hause. Das Land hat einfach etwas, was man hier in Deutschland nicht hat: Unberührte Natur und eine himmlische Ruhe!«
Hilfe für alle, die mit dem Gedanken spielen, ebenfalls nach Estland umzusiedeln
RS: »In Estland gibt es viele schöne Immobilien-Angebote (z.B. kv.ee), auch in der Umgebung meines Grundstücks. Wir würden es begrüßen, weitere Deutsche in der Gegend wohnen zu wissen, mit denen man eine Gemeinschaft aufbauen und pflegen kann, zum gegenseitigen Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung, auch zum Wohle der Einheimischen. Es ist ein gutes Gefühl, mehrere Deutsche und deutschsprechende Esten in der Nähe zu wissen, mit denen man sich austauschen und denen man Fragen stellen kann, um sich die Eingliederung zu erleichtern. Ich möchte noch viele Deutsche für Estland begeistern. Mein Wunsch wäre, dass so viele Auswanderungswillige wie möglich in meine Nähe ziehen, damit man sich gegenseitig aushelfen kann. Natürlich sollte sich jeder möglichst genau über Estland informieren. Gerne bin ich mit meinem bisher erarbeiteten Wissen dabei behilflich. Im Vorfeld sollte z.B. klar sein, dass der Südosten Estlands, also genau da, wo mein Anwesen liegt, die wirtschaftlich schwächste Region von ganz Estland ist. Viele Männer arbeiten im Ausland. Hier gibt es einen starken Frauenüberschuss. Wer also noch Geld verdienen muss, sollte das wissen. Die Wirtschaft spielt sich vornehmlich in und um die Hauptstadt Tallinn ab. Da sind aber die Wohnungen und Häuser auf deutschem Niveau – was dann sowohl die Qualität als auch den Preis betrifft.«
Kontakt Reinhard Scheuerlein
E-Mail: indres@t-online.de
Auch ein richtiger Winter, wie man ihn in Estland noch erlebt, hat seine Reize
Und die Moral von der Geschicht’? Was lernen wir? Wahrscheinlich keiner hätte vor der Lektüre dieses Artikels Estland als potentielles Auswanderungsland wahrgenommen oder gar empfohlen – dabei sind die Vorteile für Menschen, die gerne arbeiten und etwas aufbauen wollen, in diesem Land immens – und teilweise so gut wie nirgendwo sonst. Es gibt aber außer Estland noch weitere Länder, die in Sachen Auswanderung praktisch nie zur Sprache kommen, aber dennoch interessant sind. Serbien z.B. – da denkt man hierzulande immer noch zuerst einmal an Bürgerkrieg, an schreckliche Zustände, vielleicht an kyrillische Schrift oder an fragwürdige Politiker. Tatsächlich jedoch läuft das Leben dort vollkommen ruhig und unspektakulär ab. Die Menschen sind – im Gegensatz zu hier – irgendwie noch normal im Kopf. Dann gibt es Ungarn und Montenegro, die ebenfalls viele interessante Aspekte aufweisen. Ein vielversprechendes Auswanderungsland ist z.B. Südafrika. „Aber da gibt es doch so viel Kriminalität, es wird eingebrochen, gestohlen und geraubt.“ Ja, in manchen Ecken des Landes ist das so. Aber bei weitem nicht in allen. Weitere interessante Länder sind Ecuador, in manchen Fällen sogar Mexiko und Panama.
Ergo: Auch Länder, die nicht auf der Beliebtestenliste stehen, können als Auswanderungsland in Frage kommen. Wer auswandern möchte, sollte sich vorher ausführlich informieren und nicht nur auf die Liste der beliebtesten Länder schauen.
Auch mit Reinhard Scheuerlein haben wir ein Interview gefilmt. Man findet es hier unten – oder direkt bei YouTube: „Interview Reinhard Scheuerlein, Auswandern Estland“.
Deutschsprachige Info-Seite:
Spende per Banküberweisung an
mehr wissen, besser leben e.V.
GLS Gemeinschaftsbank
IBAN: DE56 4306 0967 1248 8816 00
Verwendungszweck: „Spende“

