Freies Lernen in Deutschland

Unsere Söhne Moritz und Thomas sind 1996 und 1999 geboren. Wir leben in Norddeutschland und sind selbstständig, arbeiten beide zu Hause und teilen uns Berufstätigkeit, Haushalt und das Leben und Lernen mit unseren Kindern. Moritz ging zwei Jahre zur Schule und war schließlich in seiner Lebensfreude, seinem Lerneifer und seiner Gesundheit so am Boden zerstört, dass wir nach langem Hin und Her und vielen Versuchen, eine Lösung zu finden, Ende 2005 beschlossen haben, für sein Wohl einzustehen und die Auseinandersetzungen mit den Behörden auf uns zu nehmen. Thomas hatte schon nach zwei Wochen Schule beschlossen, dass er lieber in Ruhe zu Hause weiter lernen wolle, weil er in der Schule Kopfweh bekam und „es da so schlecht riecht“. Seitdem leben die beiden in einem Zustand, den man fast Seligkeit nennen kann, sind den ganzen Tag emsig tätig – und wir staunen, was sie alles tun und wie sie sich anhand ihrer eigenen, aus ihnen selbst erwachsenden Projekte Wissen, Techniken, Erfahrungen aneignen und die Welt erobern. Das begeistert uns so, dass wir mittlerweile dankbar für den Mut und die Entschlossenheit sind, mit denen unsere Kinder sich geweigert haben, weiter zur Schule zu gehen. Wir haben nicht gewusst, dass das Leben von Kindern so schön und frei sein kann und dass Lernen eigentlich ein so organischer Prozess ist wie das Wachstum einer Pflanze.

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Aus Depesche 28+29/2007

In den vielen Gesprächen darüber, dass und warum unsere Kinder nicht zur Schule gehen und wie das denn dann so läuft, erzähle ich immer wieder dieselben Sachen und höre immer wieder dieselben Fragen und Bedenken, die ich alle aus eigener Erfahrung kenne. Ich hegte sie einst ebenfalls, bis mir das konkrete Leben und freie Lernen meiner Kinder gezeigt hat, dass und wie es funktioniert: Das Leben ohne Schule!

Lernen in freier Wildbahn

Weil diese Erfahrungen wunderschön und faszinierend sind und ich das Gefühl habe, allmählich zu begreifen, wie Lernen in freier Wildbahn „eigentlich“ funktioniert und dass das, was in der Schule passiert, nur ein müder Abklatsch dessen ist, was passiert, wenn Kinder sich ihrem inneren Muster gemäß eigenständig entfalten dürfen, habe ich mich dazu entschlossen, regelmäßig zu erzählen (nachzulesen auf: http://bildungsfreiheit.blogspot.com/), was meine Kinder so tun und wie unser Alltag aussieht.

Rechtlich befinden wir uns im Nirwana zwischen zwei Prozessen, in denen wir das Recht unserer Kinder, auf die ihnen gemäße Weise zu leben und zu lernen, einklagen. Moritz und Thomas sind offiziell in einer Grundschule gemeldet, zwei sehr nette Lehrerinnen überprüfen ein- bis zweimal monatlich, ob unsere Kinder die offiziellen schulischen Anforderungen erfüllen. Sie geben uns auch Arbeitsblätter, damit wir Tests üben können. Das bedeutet, dass sie bestimmte Definitionen („Was ist ein Nomen?“) kennen müssen und die typischen Aufgaben schulischer Tests verstehen lernen. Gar nicht so einfach, denn sie lernen anhand der Dinge, die sie tun wollen und die im realen Leben existieren. Sie begreifen oft die künstliche Welt solcher Testaufgaben nicht. Zum Beispiel: „Der Drache hat seine Schuppen verloren. Hilfst du ihm, sie wiederzufinden?“ – „Mama, warum hat der Drache seine Schuppen verloren?“ – „Ich weiß nicht. Ich glaube, du sollst in jede Schuppe eine Zahl schreiben und so das Zählen üben.“ – „Ach so. Langweilig, ich habe neulich bis 246 gezählt, als ich wissen wollte, aus wie viel Steinen der riesige Kapla- (Bauklotz) Turm besteht, den wir gebaut hatten – kriegt er dadurch seine Schuppen denn wieder?“

Was Zähneputzen mit Dividieren zu tun hat

Kürzlich abend behauptete Thomas, er hätte sich schon zwei Millionen Mal die Zähne geputzt. „Ha! Kann doch nicht sein“, fand Moritz. Ich fand, gute Gelegenheit, schriftliches Dividieren zu demonstrieren. Also mal angenommen, Thomas putzt sich eine Minute lang die Zähne, also 60 mal pro Stunde. Zwei Millionen durch 60 – ich zeige Moritz das schriftliche Teilen. 33.333 Stunden lang müsste Thomas dann putzen. Unvorstellbar, wie viele Tage sind das denn? Jetzt versucht Moritz es selber: 33.333 geteilt durch 24 = ? „Thomas, haha, du müsstest 1.388 Tage putzen, und ein Rest von 21 Stunden bleibt übrig.“ Immer noch unvorstellbar! Bei 1.388 geteilt durch 365 komme ich ins Schleudern. Moritz holt das Divisionsbrett mit dem selbstgebauten Material nach Montessori, das macht ihm Spaß. Papa Tilman fängt parallel auch an zu rechnen, ich bitte ihn, das Ergebnis für sich zu behalten. Moritz rechnet souverän mit dem Divisionsbrett. Eine geniale Methode. Thomas müsste sich 3 Jahre und 293 Tage die Zähne putzen. 293 Tage geteilt durch 30 – das sind 9 Monate. 23 Tage bleiben Moritz übrig, und die 21 Stunden sind ja auch noch da. Moritz rennt zu Thomas, der längst bei seinen Comicmalereien sitzt – ihn hat das Dividieren überhaupt nicht interessiert – und teilt ihm triumphierend das Ergebnis mit.

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Moritz sagte neulich:

„Es ist mir ganz egal, vor welchem Gericht wir da sein müssen.

Hauptsache, wir gewinnen und ich kann weiter in Freiheit leben!“

Eigener Comic-Vertrieb

Bei den Comics handelt es sich um umfangreiche Werke mit bis zu zehn Seiten, die von den beiden Brüder an Oma, Tanten und Freunde verkauft werden: 50 Cent das Stück. Und weil sie dann Rechnungen schreiben und Dateien versenden müssen, lernen sie nebenher Mathe, den Computer und die Tücken eines Vertriebs. Das Schreiben läuft nebenher, beim Zeichnen. Spielerisches Lernen. Lernen im Leben. „Die wollen den Echtfall“, sagt Tilman Neubronner, der Vater. Neulich haben Moritz und Thomas den Verteiler für ihren Comicverlag aktualisiert und eine Werbemail mit eingescannter Probeseite an ca. 25 Addressaten verschickt.

Thomas malt desweiteren mehrere Stunden pro Tag, übt Klavier (er hat keinen Unterricht, sondern bringt sich alles selbst bei) und Gitarre (da hat er Unterricht).

Gebrauchsanleitungen statt Schulbücher

Anfang des Jahres haben wir eine Videokamera gekauft. Moritz setzte sich hin, um sich anhand der mehrsprachigen Gebrauchsanleitung mit der Bedienung vertraut zu machen. Wir überlassen ihm das gern, er erklärt es uns dann, wir sparen Zeit und er übt Lesen (haha! Kleiner Scherz, da er schneller als sein Vater liest!), Verstehen und Anwenden, also genau das, was laut PISA so viele Schulabsolventen nicht können.

Aber wir denken inzwischen gar nicht mehr so pädagogisch, weil wir mittlerweile sicher sind, dass er das lernen will. Nein, auch nicht korrekt: Moritz will nicht lernen, komplizierte Gebrauchsanweisungen umzusetzen. Er will lernen, die Kamera zu bedienen, und das ist für ihn die Motivation, die Gebrauchsanleitung zu verstehen. Dafür braucht es keine pädagogisch ausgeklügelte Motivierungshilfe, die liefert das Leben. Er beherrscht jetzt die wichtigsten Funktionen der Kamera und kann sie uns erklären, prima.

Typische Schul-Symptome bei Schul-Aufgaben

Die uns in regelmäßigen Abständen überprüfenden Lehrerinnen sind freundlich, hilfsbereit und tun ihr Bestes, um Moritz und Thomas „behördenkompatibel“ zu machen, ohne sie zu verbiegen. Trotzdem zeigen die beiden bei typischen Schulaufgaben Verhaltensweisen, die ich früher für selbstverständlich gehalten hätte: unruhig herumrutschen, gähnen (die Toxine der Unlust werden ausgeschüttet...), herumalbern, Zettelchen schreiben, alles nur, um diesen langweiligen Aufgaben zu entgehen. Ich komme mir vor wie jemand, der Delphinen beibringt, auf Befehl mit der Flosse zu wedeln. Wesen mit der komplexesten Sprache des Planeten, hohem Bewusstsein und Intelligenz, und nun sollen sie in einem kleinen Becken herumschwimmen und auf ein einfaches Signal hin dreimal wedeln...

Mir wird so nach und nach erst bewusst, was für eine Kunstwelt die Schule ist, eine Übungs-Scheinfirma, in der auf dem Trockenen für das Leben gelernt wird. Unsere Kinder wollen in der Zeit lieber leben. Und siehe da, sie lernen alles, was sie brauchen, und noch viel mehr, aber auf ganz andere Weise und sicherlich oft zu anderen Zeitpunkten als es ein Lehrplan – wenn überhaupt – vorsehen würde.

Die Kinder kommen mir vor wie Pflanzen, die genau ihrem inneren Entwicklungsplan folgen und sich dafür die Nährstoffe holen, die sie grad brauchen. Und sie wissen genau, wo das nächste Blatt hinkommt und wie es aussieht, ob Eiche oder Rose. Wir müssen nur die nährstoffreiche Umgebung bereitstellen und regelmäßig mit Liebe gießen. Das schulische Lernen erscheint mir diesem faszinierenden, lebendigen, wunderbaren Prozess gegenüber wie ein Notbehelf. Ich wusste das genauso wenig, wie die Lehrer, die Behördenmitarbeiter und die anderen Eltern es jetzt wissen, und noch vor wenigen Jahren hätte ich eine Familie wie unsere vermutlich mit tiefem Misstrauen betrachtet und als ziemlich freakig-schräg oder gar leichtsinnig angesehen. Jetzt jedoch – mit unserer Homeschooling-Erfahrung – erkennen wir in der Skepsis oder Verurteilung der anderen unser eigenes Denken von früher wieder.

Dabei kommen wir immer mehr dahin, dass es nicht darum geht, andere Leute davon zu überzeugen, wie toll Homeschooling ist. Es geht nur um das Recht, diese Option wählen zu dürfen und dafür weder kriminalisiert noch psychiatrisiert zu werden.

Kontakt zu Familie Neubronner:
www.dagmarneubronner.de

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Von am 14.10.2026


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