„Weshalb sollten natürliche Neugierde und Lerneifer im Alter von sechs Jahren plötzlich versiegen? Weshalb sollten Kinder nur dann Lernfortschritte machen, wenn sie nach einem festgelegten Schema in einer Schule unterrichtet werden?“, fragt sich Stefanie Mohsennia. Ihr Sohn sollte wie die ersten Jahre seines Lebens weiterhin im vertrauten häuslichen Umfeld – seinem natürlichen Rhythmus folgend – lernen dürfen. Da in Deutschland Homeschooling verboten ist, zog die Familie – als Julian schulpflichtig wurde – vor einem Jahr von Düsseldorf nach Kanada, um sich den Kampf mit den Behörden zu ersparen. Julians Mutter beschreibt im folgenden Artikel die Homeschooling-Situation in Kanada sowie den „Schul“-Alltag ihres Sohnes.
Ein Artikel aus Depesche 31-33/2007
Von Stefanie Mohsennia (Mutter eines Heimschülers), Mai 2007
Mein Sohn Julian ist acht und geht nicht zur Schule. Was in Deutschland ein Skandal wäre, ist in vielen Ländern ein alternativer Bildungsweg, den immer mehr Familien einschlagen: Homeschooling, ein Leben ohne Schulbesuch. Julian kennt keinen Stundenplan, keine Lehrpläne, keine Hausaufgaben, keine Klassenarbeiten, keine Zeugnisse… Lernen findet für ihn auf natürliche Weise im Laufe des Tages – oder häufig im Laufe des Abends statt, und er lernt, was ihn interessiert.
In Deutschland hätte Julian in den sieben Monaten vor unserer Abreise gegen seinen Willen die 1. Klasse besuchen sollen. Trotz Bußgeldandrohung, Ordnungsamt an der Wohnungstür und Gesprächen im örtlichen Schulamt (man glaubte uns trotz Vorlage des gültigen Einwanderungsvisums und der Flugtickets nicht, dass wir tatsächlich vorhatten, Deutschland zu verlassen, und wollte uns keine Schulbefreiung erteilen, obwohl das laut nordrhein-westfälischem Schulgesetz möglich gewesen wäre.), überstanden wir die Zeit bis zu unserem Abflug glimpflich.
Keine Einmischung vom Staat
Die kanadische Provinz British Columbia, in der wir seit einem Jahr leben, bietet Homeschooling-Familien grundsätzlich zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Sie können die Kinder entweder einmal pro Jahr lediglich bei der örtlichen Schulbehörde registrieren lassen oder sie an einer Fernschule einschreiben. Registrierte Kinder, die eigentlichen Homeschooler, brauchen keinerlei Auflagen zu erfüllen. Es müssen keine Prüfungen abgelegt werden; es findet keine Einmischung des Staates statt, die Familie allein entscheidet über das Bildungsprogramm der Kinder – allerdings erhalten die Eltern auch keine (oder nur sehr geringe) finanzielle Unterstützung. Als Alternative dazu existieren verschiedene Fernschulen, bei denen die Kinder angemeldet werden können. Sie gelten dann nicht offiziell als Homeschooler (und werden in den entsprechenden Statistiken auch nicht als solche aufgeführt), sondern als Fernschüler (in Kanada als „Distributed Learning Students“ bezeichnet).
„Kindern erlauben zu lernen, was sie lieben... und zu lieben, was sie lernen“
Die Organisation, bei der mein Sohn eingeschrieben ist, heißt „SelfDesign“ und kann wohl kaum als „Schule“ bezeichnet werden. Ihr Motto lautet: „Kindern erlauben zu lernen, was sie lieben... und zu lieben, was sie lernen“ . Das Konzept steht ganz im Einklang mit der Vorstellung von der idealen Lernumgebung von John Holt : „Kinder lernen von allem, was sie sehen. Sie lernen, wo auch immer sie sind, nicht nur an speziellen Lernorten. Sie lernen viel mehr von Dingen, natürlich oder hergestellt, die für sich genommen wirklich und bedeutsam in der Welt sind, und nicht einzig zu dem Zweck hergestellt, Kinder beim Lernen zu unterstützen; mit anderen Worten, sie interessieren sich mehr für Objekte und Werkzeuge, die wir im regulären Leben benutzen als für beinahe alle speziellen Lernmaterialien, die für sie hergestellt werden. Wir können Kinder am besten beim Lernen unterstützen, nicht indem wir entscheiden, was sie unserer Meinung nach lernen sollten, und indem wir uns geniale Wege ausdenken, ihnen dies beizubringen, sondern indem wir ihnen die Welt, soweit wir können, zugänglich machen, ihren Aktivitäten ernsthafte Aufmerksamkeit schenken, ihre Fragen beantworten – wenn sie welche haben – und ihnen helfen, die Dinge zu erforschen, die sie am meisten interessieren.“ (Holt, John: Learning all the time, 1989, S. 162)
Staatliche Unterstützung für Heimschüler
Im laufenden Schuljahr 2006/ 2007 sind 475 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 6 und 14 Jahren bei „SelfDesign“ eingeschrieben und werden von 50 „Lernberatern“ betreut. Pro Schüler erhält die Fernschule vom Ministerium in British Columbia rund 3.300,- kanadische Dollar (Can$), was etwa der Hälfte jener Mittel entspricht, die das Ministerium öffentlichen Schulen pro Schüler zur Verfügung stellt. Von diesem Betrag werden Can$ 1.000,- (etwa 650,- EUR) an die betreffenden Familien weitergegeben, um Ausgaben für Kurse, Lernmaterialien, Eintrittskarten für Museen etc. abzudecken.
Enthusiasmus des Schülers wichtiger als Lehrpläne
Im Dezember 2006 ist das innovative Online-Fernlern-Programm von „SelfDesign“ für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Pädagogik mit einem Preis des Premierministers ausgezeichnet worden. In der Begründung der Auszeichnung heißt es, dass die Lernberater das Lernen jedes Schülers individuell unterstützen und auf dem Enthusiasmus des Lernenden aufbauen, anstatt auf Unterricht und Lehrpläne zu setzen.
In der Praxis sieht es bei „SelfDesign“ so aus, dass wir jede Woche (34 Wochen / Jahr zwischen Anfang September und Ende Juni) mindestens 25 Stunden „Lernaktivitäten“ in den verschiedenen Bereichen protokollieren und einen Bericht über die Höhepunkte der Woche schreiben. (Das Protokoll einer Beispielwoche im Kasten weiter unten).
Es ist in keiner Weise vorgeschrieben, wie viele Stunden die Kinder in welchen Bereichen „absolvieren“ sollten. Insgesamt fällt bei uns etwas über ein Viertel der Stunden in den Bereich Sport und Gesundheit. Ein weiteres Viertel in den Bereich Fremdsprachen, da wir mit unserer Lernberaterin ausgemacht haben, dass Aktivitäten in Englisch dieses Jahr für Julian als Fremdsprache zählen. Die übrige Hälfte erstreckt sich auf Mathe, Deutsch, Gesellschafts- und Naturwissenschaften, Kreativität und andere Fächer.
Eine typische Woche vom Februar 2007 – wenn man bei uns überhaupt von einer typischen Woche sprechen kann – sah beispielsweise so aus:
| Sonntag | |
| 1 Std. | „Timothy goes to school“ und „Daniel Cook“ geguckt – Englisch |
| 1 Std. | Papa beim Aufbau eines neuen Schrankes geholfen – praktisches Leben |
| 1 Std. | CD-ROM „Mathematikus 3“ gespielt – Mathe |
| 0,75 Std. | „Antonio Vivaldi“ (CD über sein Leben auf Deutsch) gehört – Geschichte |
| 0,5 Std. | „Henry Ford – Young man with ideas“ (Childhood of famous Americans = Kindheit berühmter Amerikaner) vorgelesen bekommen – Geschichte |
| Montag | |
| 1,5 Std. | Liste aller Stofftiere aufgestellt (mit Namen und Art) – Deutsch |
| 0,5 Std. | „National Geographic World“ gesehen – Naturwissenschaften |
| 1 Std. | Taekwon-Do-Training – Sport |
| 1 Std. | „Kaufladen“ aufgebaut, Verkaufen gespielt (Wechselgeld ausgerechnet, Kassenbon geschrieben) – Mathe, Deutsch |
| 0,5 Std. | „Henry Ford – Young man with ideas“ (Childhood of famous Americans = Kindheit berühmter Amerikaner) vorgelesen bekommen – Geschichte |
| Dienstag | |
| 1,5 Std. | „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“ gelesen – Deutsch |
| 1 Std. | Zeichenunterricht – Kreativität/Kunst/Musik |
| 1 Std. | Hallenturnen – Sport |
| 1,5 Std. | Liste der Stofftiere von gestern auf dem Computer in Word abgetippt und gestaltet – Deutsch, Informationstechnologie |
| Mittwoch | |
| 0,5 Std. | zwei Seiten aus „Math made easy, Grade 2“ – Mathe |
| 2,5 Std. | Treffen mit der Homeschooling-Gruppe – Englisch |
| 1 Std. | Taekwon-Do-Training – Sport |
| 0,75 Std. | „Henry Ford – Young man with ideas“ (Childhood of famous Americans = Kindheit berühmter Amerikaner) vorgelesen bekommen – Geschichte |
| Donnerstag | |
| 1,5 Std. | Snowboard-Kurs – Sport |
| 2,5 Std. | Ski gefahren – Sport |
| 1 Std. | mit Baufix Auto für Stofftier gebaut – Kreativität/Kunst/Musik |
| Freitag | |
| 0,5 Std. | Flugzeug-Trumpf gespielt – Mathe (sechsstellige Zahlen lesen, Zahlen vergleichen) |
| 0,5 Std. | „Why do volcanoes erupt?“ (=Warum brechen Vulkane aus?) gelesen – Naturwissenschaften |
| 1 Std. | Aufgaben auf www.rechenheft.com gelöst – Mathe |
| 1 Std. | „Am Samstag kam das Sams zurück“ vorgelesen bekommen – Deutsch |
| Samstag | |
| 1 Std. | Okanagan Science Centre: Experimente mit Wasser und Luft – Naturwissenschaften |
| 0,5 Std. | „Henry's Amazing Animals“ (= Henry's erstaunliche Tierwelt) geguckt – Naturwissenschaften |
| 1 Std. | mit der Webcam (Logitech QuickCapture) Fotos und Filme von sich selbst gemacht – Informationstechnologie |
| 2 Std. | Monopoly gespielt (Würfelaugen addiert, mit Spielgeld gerechnet) – Mathe |
„Lernen“ ist nicht messbar!
Ich habe gemischte Gefühle beim Aufschreiben der Stunden, weil ich nicht glaube, dass sich Lernen quantifizieren lässt. Die Lernprozesse, die in unseren Köpfen und in den Köpfen unserer Kinder ablaufen, sind oft von außen nicht beobacht- oder messbar. Manchmal sind sie nicht einmal uns selbst wirklich bewusst. Neulich im Auto eröffnete mir mein Sohn nach einer längeren Schweigephase plötzlich aus heiterem Himmel: „Mami, wenn man zwei ungerade Zahlen addiert, erhält man als Ergebnis immer eine gerade Zahl.“ Eine wichtige Entdeckung. Er hatte offensichtlich eine Zeitlang darüber nachgedacht und es im Kopf ausprobiert, während ich dachte, er schaut einfach so aus dem Fenster. Auch wenn diese Entdeckung nicht in die wöchentliche Lernzeit einfließt, sind solche inneren Denkprozesse mindestens genauso wichtig wie Lernaktivitäten, die man als Außenstehender beobachten kann.
Zeugnisse sind unwichtig
Deshalb ist es mir nicht wichtig, dass mein Sohn mir oder anderen Beweise abliefert über das, was er gelernt hat. Ich erlebe jeden Tag, wie kompetent er in vielen Dingen ist, was er beherrscht, und womit er sich auseinander setzt. Nicht „Output“, also sichtbare Zeugnisse des Gelernten, sind entscheidend für mich, sondern das Lernen an sich.
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